Transparente Lohnangaben im Stelleninserat – ein Interview mit Ärzte ohne Grenzen

Lohntransparenz

Nur wenige Unternehmen veröffentlichen das Gehalt in ihren Stelleninseraten. Doch oft sind Kandidaten in Bezug auf die Lohnfrage unsicher, die Folge davon ist für beide Seiten ein Lohnpokern, das oft auch Quelle von Unzufriedenheit und schlechten Erfahrungen der Kandidaten sein kann. Es gibt aber Ausnahmen wie Ärzte ohne Grenzen, die sich für diese Transparenz in den Stelleninseraten entscheiden. Sinh Pham, Recruiter bei dieser NGO, erzählt in einem Interview mehr darüber.

Mathias Steger: Warum geben Sie den Lohn offen im Stelleninserat an?

Sinh Pham: Wie arbeiten auf der Basis von Lohnbändern, wie es übrigens üblich ist im Gesundheitssektor. Der Gehalt ist nicht verhandelbar und wird offen kommuniziert, damit sowohl für uns als auch für die Bewerbenden die Lohnfrage nicht mehr aufkommt. Bevor wir dieses System 2016 eingeführt haben, kam es hin und wieder zu Missverständnissen bezüglich des Gehalts und enttäuschten Kandidaten.

Seither gibt es also keine Lohnverhandlungen mehr?

Das Gehalt basiert auf der Verantwortung und den Kompetenzen für die jeweilige Funktion und ist in einen Einstiegs-und Maximallohn aufgeteilt. Mit mehr Erfahrung werden die Kandidaten innerhalb des Lohnbandes möglicherweise einen höheren Einstiegslohn erhalten. Insofern ist es keine Frage des Verhandlungsgeschicks, sondern der Jahre an relevanter Erfahrung.

Wie wurden die Lohnbänder definiert?

Ein externes Beratungsunternehmen hat uns bei der letzten Überarbeitung der Löhne unterstützt, um ein Gleichgewicht zwischen unseren internen Richtlinien und der Realität des Arbeitsmarktes zu finden. Alle fünf Jahre werden diese Lohnbänder nun überprüft.

Kann man auch über den Maximallohn eines Lohnbandes kommen?

Wenn eine Person mit dem Einstiegslohn beginnt, erreicht sie nach zehn Jahren den Maximallohn, wenn sie den gleichen Posten durchgehend belegt. Danach kann er in derselben Position noch über fünf Jahre hinweg steigen.

Kennen die Mitarbeitenden alle gegenseitig ihren Lohn?

Alle Mitarbeitenden haben internen Zugang zu den verschiedenen Lohnbändern, die Löhne selbst werden aber nicht veröffentlicht. Sie können also den Lohn anhand dessen einschätzen, kennen aber nicht den genauen Betrag.

Wie reagieren Kandidaten auf diese Vorgehensweise?

Die Kandidaten haben Verständnis dafür, dass unsere Löhne nicht verhandelbar sind und schätzen unsere Transparenz bezüglich dieser Frage. Seit der Einführung der Lohnbänder hatten wir noch nie ein negatives Feedback deswegen erhalten.

Welche Vorteile birgt dies für die Kandidaten?

Alle, die sich für eine Stelle bei uns interessieren, profitieren von dieser Transparenz, weil sie wissen, was sie erwartet. So bewerben sich auch nur diejenigen, die mit dem angegebenen Lohn zufrieden sind und es gibt dadurch keine enttäuschten Gesichter.

Gibt es darin auch Nachteile?

Der einzige Nachteil, den ich für unsere Organisation sehe, ist, dass so manch hochqualifiziertes Profil verloren geht, weil der Lohn nicht den Erwartungen entspricht. Ansonsten überwiegen die Vorteile.

Geben Sie den Lohn für alle Stellen an oder gibt es auch Ausnahmen?

Manchmal haben wir für bestimmte Stellen noch kein Lohnband definiert, dann kommt es vor, dass der Lohn nicht im Stelleninserat erscheint. Das ist aber selten.

Haben Sie auch Schwierigkeiten Stellen zu besetzen?

Das kommt darauf an. Stellen im IT sind etwas schwieriger zu besetzen als andere. Ausserdem ist es nicht immer einfach Kandidaten zu finden, die Erfahrung in einem internationalen Unternehmen vorweisen können.
Sinh Pham ist seit acht Jahren Recruiter bei Ärzte ohne Grenzen und betreut den Hauptsitz in Genf so wie die Zweigstelle in Zürich.

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