Lohntransparenz: Tabubruch oder Notwendigkeit?

«Über Lohn spricht man nicht – den hat man!» Traditionell ist das Gehalt in der Schweiz ein sensibles Thema. Niemand gibt gern Auskunft über die Höhe des Einkommens und nur selten wird danach gefragt. Diese Haltung zeigt sich auch bei Stellenangeboten. Während die Angabe der möglichen Vergütung in Stellenanzeigen in den angelsächsischen Ländern sowie in Österreich alltäglich ist, schweigen sich Arbeitgeber in der Schweiz aus.
Lohntranzparenz

Vorteil der Lohntransparenz: Zeitersparnis

Auf der einen Seite bietet die Ausschreibung der möglichen Gehaltsbandbreite Vorteile für Unternehmen und besonders Recruiter. Denn auf Stellenanzeigen melden sich ausschliesslich Bewerber, die bereit sind, für diesen Lohn zu arbeiten. Das Prüfen von Unterlagen und das Führen von Bewerbungsgesprächen mit Interessenten, die wegen zu geringer Saläre ablehnen, entfallen. Auch sind die Gehaltsverhandlungen schneller abgeschlossen, da das mögliche Gehalt bereits zu Beginn des Bewerbungsprozesses bekannt war oder der Spielraum klar umrissen ist. Das führt zu einer zielgerichteten Selektion der Bewerber und spart Zeit. Damit sinken die Kosten für die Neueinstellung von Mitarbeitern.
Ausserdem führt Lohntransparenz zu einer besseren Lohngerechtigkeit zwischen Männern und Frauen und verhindert Lohndumping sowie die Lohndiskriminierung von Ausländern. Zusätzlich darf man die Bekanntgabe des zu erwartenden Salärs und eine offene Lohnpolitik im Unternehmen als Marketinginstrumente nicht unterschätzen – denn Stellenanzeigen mit Angabe des Gehalts können eine höhere Resonanz erzielen.
Auf der anderen Seite legen sich Arbeitgeber mit der Offenlegung des möglichen Lohns frühzeitig fest. Echte Top-Shots, für die Unternehmen freiwillig einen höheren Lohn zahlen würden, reagieren nicht auf die Stellenanzeigen. Ist unter den Bewerbern ein interessanter Kandidat, der hohes Potenzial zeigt, aber nicht die gewünschte Erfahrung hat, ist eine Einstellung zu einem niedrigeren Gehalt nicht möglich. Liegt der gebotene Verdienst im gehobenen Bereich, springen zu viele unqualifizierte Bewerber auf die Anzeige an – das Geld überstrahlt die anderen Rahmenbedingungen.

Erfahrungen aus Österreich

Das Nachbarland Österreich hat die Lohntransparenz forciert und es zur Pflicht gemacht, in Stellenanzeigen das mögliche Gehalt zu nennen. Zusätzlich müssen die Löhne in der Personalkommission offengelegt werden. Tatsächlich bleibt der Erkenntnisgewinn für Mitarbeiter in der Praxis gering. Denn die Mehrzahl der Stellenanzeigen nennt kein konkretes Gehalt. Die Mehrheit der Arbeitgeber gibt das kollektivvertragliche Gehalt an oder den Mindestlohn für die Stelle. Dazu kommt bei Bedarf die Information, dass das Unternehmen zu Überzahlungen bereit ist. Wie hoch der Lohn am Ende ausfällt, erfährt der Kandidat trotz Lohntransparenz erst am Ende der Gehaltsverhandlungen.

Traditionen wahren – Fortschritt ermöglichen

Einige Unternehmen in der Schweiz haben sich für einen offenen und transparenten Umgang mit dem Thema Lohn entschieden und machen gute Erfahrungen. Sie erhalten viele Bewerbungen und die Mitarbeiterbindung ist hoch. Trotzdem bleibt es ein sensibles Thema. Das Interesse am Lohn der Anderen ist naturgemäss hoch, die Bereitschaft, den eigenen Verdienst offenzulegen, bleibt dagegen gering. Die bedenkenlose Übernahme der Gepflogenheiten aus anderen Ländern hat wenig Erfolg. Die Mehrzahl der Schweizer Konzerne hat bereits faire und vergleichbare Lohnstrukturen erarbeitet. Sie haben interne Bewertungskriterien geschaffen, die den angemessenen Lohn für jeden Arbeitsplatz festlegen. Zusätzlich bietet eine freiwillige Initiative Unternehmen die Möglichkeit, die Lohngerechtigkeit von einem unabhängigen Prüforgan bestätigen zu lassen. Die «equalsalary»-Zertifizierung garantiert, dass Arbeitgeber Männern und Frauen gleiche Löhne zahlen. Solche Initiativen sowie Unternehmen, die sich freiwillig für Lohntransparenz entscheiden, sorgen für eine Entwicklung, die die Besonderheiten des nationalen Arbeitsmarkts berücksichtigt.

Faire Transparenz schaffen

Wer Arbeitnehmern faire und nachvollziehbare Löhne bieten möchte, benötigt die passenden Werkzeuge. Merkmale wie die besetzte Position, die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit oder die Ausbildung allein führen nicht zu gerecht empfundenen Löhnen. Arbeitgeber, die Lohntransparenz bieten möchten, benötigen wiederkehrende Leistungsbeurteilungen. Auf diesem Weg erhalten die Mitarbeiter eine der Stelle entsprechende Basisvergütung sowie variable Lohnbestandteile. Denn unabhängig von aller Transparenz gilt: Arbeitnehmer, die verstehen und nachvollziehen können, wie es zu der Höhe ihres Salärs kommt, sind zufriedener. Transparente Löhne wecken das Interesse von Bewerbern und verbessern die Mitarbeiterbindung. Faire Löhne verhindern Lohndumping und steigern die Attraktivität des Arbeitgebers.
(Bild: Fotolia, momius)

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