Lohntransparenz: Was sind die Vorteile, wenn offen über Geld gesprochen wird?

Transparenz

In der Schweiz ist Lohntransparenz nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Dabei sorgt sie neben einer besseren Gleichberechtigung auch für praktische Vorteile. Wir haben Judith Oldekop, Recruiterin bei Namics – A Merkle Company, in einem Interview gefragt, warum sie sich für mehr Lohntransparenz einsetzt.

Eine solche Lohntransparenz ist wichtig, damit Neid und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern oder zwischen In- und Ausländern vermieden werden.

Mathias Steger: Du giltst als eine Verfechterin von Lohntransparenz. Warum?

Judith Oldekop: Für mich ist wichtig, zuerst zu definieren, was mit Lohntransparenz überhaupt gemeint ist. Darunter verstehe ich nicht, dass alle Mitarbeitenden ihren Lohn auf dem Namensschild tragen, sondern dass es klar definierte Lohnbänder in einem Unternehmen gibt. Es soll transparent sein, wie der Lohn aus den vorausgesetzten Anforderungen und der Verantwortung einer Rolle errechnet wird. Eine solche Lohntransparenz ist wichtig, damit Neid und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern oder zwischen In- und Ausländern vermieden werden.

Wie sieht eine perfekte Lohntransparenz im Idealfall aus?

Für mich ist eine ideale Lohntransparenz, wenn die Rollen in einem Unternehmen klar definiert sind und alle wissen, in welchem Lohnband sie sich befinden und warum. Das Warum finde ich genauso wichtig wie die Zahlen selbst. Es soll klar sein, welche Anforderungen erfüllt werden müssen, damit man in ein gewisses Lohnband fällt und wie man in das nächsthöhere kommt. Hinzu kommen die zusätzlichen Verantwortungen, die man tragen muss, um aufsteigen zu können.

Heisst Lohntransparenz, dass alle im Unternehmen wissen, was der andere verdient, und offen über das Gehalt gesprochen wird?

Darüber wird sowieso gesprochen. Es wäre naiv zu denken, dass die Mitarbeitenden das nicht tun, auch wenn es Unternehmen verbieten. Beim Lohnvergleich mit Arbeitskollegen zeigt sich oft, dass der Verdacht auf einen höheren Lohn der anderen unbegründet ist. Und falls dennoch Ungerechtigkeiten bezüglich des Lohns zu Tage kommen, hat man immerhin ein Thema zum Ansprechen.

Was sind die Vorteile von Lohntransparenz im Stelleninserat?

Mit der Lohnangabe im Stelleninserat habe ich positive Erfahrungen gemacht. Allein schon deshalb, weil sich so nur die Leute beworben haben, die bereit waren, für den angegebenen Lohn zu arbeiten. Diejenigen, die sich ein höheres Gehalt wünschen, haben sich gar nicht erst beworben. Man erspart sich somit das Lohnpokern. Nicht alle können das gut, aber wieso sollte eine schüchterne Person weniger verdienen als eine extrovertierte, wenn sie den Job genauso gut macht?

Wie sieht Lohntransparenz bei Namics aus?

Wir sind noch nicht 100% transparent, aber auch nicht intransparent. Wir haben Lohnbänder, die wir auch regelmässig dem Markt anpassen, und stellen den Mitarbeitenden diese auf Wunsch zur Verfügung. Innerhalb des Lohnbandes gibt es einen gewissen Spielraum, je nach Erfahrungen, Qualifikationen und Verantwortung. Grob gegliedert gibt es ein unteres, ein mittleres und oberes Drittel. Das Lohnband dient zur besseren Orientierung und die Mitarbeitenden wissen auch genau, was es braucht, um das nächste Level zu erreichen.

Gibt es bei Namics (weitere) Bestrebungen in Richtung Lohntransparenz?

Wir machen uns intensiv Gedanken, was nun der nächste Schritt sein könnte. Ich würde es z.B. begrüssen, wenn die Lohnbänder offen kommuniziert werden und wir sie in den Stelleninseraten angeben könnten.

Wie kann in der Schweiz noch mehr Lohntransparenz geschaffen werden?

Wenn ich die Schweiz mit anderen Ländern vergleiche, dann sehe ich noch Entwicklungspotenzial. In Österreich und Dänemark ist es z.B. gesetzlich verankert, dass die Löhne in den Stelleninseraten angegeben werden, in Schweden sind die Löhne vollständig transparent. Da ist es möglich, den Lohn des Nachbars einzusehen. Wenn das hilft, den Gender Pay Gap zu schliessen, dann hoffe ich, dass andere Länder nachziehen werden. Ich finde es schade, wenn es dazu Gesetze braucht, doch wie die Beispiele zeigen, können diese etwas Neues anstossen.
Judith Oldekop ist seit November 2018 bei Namics. Die Fullservice-Digitalagentur wurde 1995 in St. Gallen gegründet und unterstützt Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation. Zum Leistungsspektrum zählen unter anderem strategische Beratungen, innovative Konzeptentwicklung und technologische Umsetzungen.

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