Am 22. Februar ist Equal Pay Day

Equal Pay

Eine im Januar 2020 von JobCloud in Zusammenarbeit mit lohncheck.ch veröffentlichte Studie hat ergeben, dass es in der Schweiz nach wie vor einen beträchtlichen Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in der Höhe von durchschnittlich 12.4 % gibt. Um diese Lohnschere so gut wie möglich zu reduzieren bzw. zu eliminieren, gibt es den Aktionstag Equal Pay Day, der dieses Jahr am 22. Februar stattfindet. Wir haben mit Mitorganisatorin Myriam Heidelberger Kaufmann von Business & Professional Women (BPW) über Bedeutung, Massnahmen und mögliche Auswirkungen des Equal Pay Day gesprochen.

Mathias Steger: Was ist der Equal Pay Day genau?

Myriam Heidelberger Kaufmann: Der Equal Pay Day ist ein Aktionstag in der Schweiz, der auf den noch immer bestehenden Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen hinweist. Gemäss der Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik (BFS) 2016 muss im privaten Sektor von einer Negativdifferenz von 14.6 % zu Lasten der Frauen ausgegangen werden –bei gleichwertiger Arbeit. Wird dieser Anteil in Arbeitstage ausgerechnet, so markiert der Equal Pay Day den Tag im Jahr, an dem die Frauen erstmals Lohn für die geleistete Arbeit erhaltenAufgrund der Datenerhebung 2016 ist dies der 22. Februar.

Was ist im Rahmen des Equal Pay Days (EPD) in der Schweiz geplant?

Mehr als 20 Clubs werden vielfältige Aktionen auf lokaler Ebene veranstalten, teilweise in Zusammenarbeit mit Gemeinden und lokalen Einrichtungen. Es werden Strassenaktionen oder Podiumsveranstaltungen durchgeführt und Rabatte für Frauen angeboten. Ein Beispiel ist die Aktion am Paradeplatz in Zürich, wo Suppe abgegeben wird, in Bern gibt es einen Stand auf dem Kornhausplatz, wo rote EPD-Taschen verteilt werden. Ausserdem steht in Biel eine Podiumsdiskussion auf dem Programm und in der Ostschweiz ist eine «Brotaktion» geplant, bei der lokale Bäcker das Brot im roten EPD-Beutel abgeben. Das Merkmal dieses Tages sind die roten Taschen, mit denen Frauen und Männer auf das Minus im Portemonnaie der Frauen hinweisen.

Haben Sie persönlich Erklärungen für die signifikanten Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern?

Es gibt einen erklärbaren Anteil der Lohndifferenz, wie Ausbildungsstandards, Branche oder Anstellungsdauer im selben Betrieb, und einen nicht erklärbaren. Kann etwas nicht belegt und schlüssig erklärt werden, handelt es sich um Diskriminierung.

Was können Frauen tun, wenn sie sich mit ihrem Lohn benachteiligt fühlen?

Da es sich bei Lohngerechtigkeit um ein Grundrecht handelt, kann gleicher Lohn für gleiche Arbeit eingeklagt werden. Dies empfiehlt sich im Einzelfall, aber auf jeden Fall erst nach einer Beratung, wie sie etwa von Gewerkschaften angeboten werden.

Was sind konkrete Massnahmen, um mehr Lohngleichheit in der Schweiz sicherzustellen?

Die Bundesverfassung garantiert gleiche Löhne für Frau und Mann für gleichwertige Arbeit. Die Einhaltung dieses Gebots ist für jeden Arbeitgeber eine konkrete Massnahme.
Ansonsten sehe ich Lohntransparenz als wichtigen Schritt. Wenn im Unternehmen bekannt ist, dass ein gleichaltriger Mann für dieselbe Arbeit mehr Entgelt erhält als eine Frau, kann sie dagegen vorgehen.

Wird dieser Anteil in Arbeitstage ausgerechnet, so markiert der Equal Pay Day den Tag im Jahr, an dem die Frauen erstmals Lohn für die geleistete Arbeit erhalten.

Myriam Heidelberger Kaufmann

Was können Mitarbeitende und Jobsuchende auf der einen Seite sowie Unternehmen auf der anderen Seite für mehr Lohngleichheit tun?

Jobsuchende sollen ihre Kompetenzen nicht unter Wert anbieten, dafür benötigen sie Tipps und Tricks. Frauen verhandeln oft «weicher» als Männer – die sitzen jedoch zumeist gegenüber am Lohnverhandlungstisch. Frauen könnten sich also vorstellen, sie verhandeln nicht für sich, sondern für die beste Freundin. Eine Frau, die sich im Gespräch vorstellt, für eine Drittperson den Lohn zu verhandeln, wird erfolgreicher sein, als die Frau, die den Lohn für sich selbst verhandelt. Es gibt diesbezüglich Studien, die das belegen. Den Unternehmen stehen verschiedene Möglichkeiten offen, ihre Lohnstruktur zu überprüfen. Eine regelmässige Überprüfung der Lohngleichheit im Unternehmen, wie es das Parlament verabschiedet hat, bringt dann etwas, wenn die Unternehmen bereit sind, die Bundesverfassung umzusetzen.

Wie kann Lohngleichheit überprüft werden?

Durch Lohngleichheitsanalysen innerhalb der Firmen, wie sie der Bundesrat auf den 1. Juli 2020 für Firmen mit mehr als 100 Angestellten festgeschrieben hat. Eine solche Analyse lohnt sich auch für kleinere Unternehmen.

Gibt es in der Schweiz Zertifizierungen, die Unternehmen auszeichnen, welche Equal Pay betreiben?

Für die öffentliche Hand gibt es ein Label. Bundesrat Alain Berset initiierte dazu eine Charta der Lohngleichheit im öffentlichen Sektor. Dabei verpflichten sich Gemeinden, Lohngleichheit umzusetzen. Seit November 2019 können sich auch staatsnahe Organisationen dieser Charta anschliessen. Auch für den privaten Sektor gibt es Zertifizierungsstellen wie Equal Salary, Fair Compensation oder die EDGE Certification.

Können Sie mir Beispiele von Unternehmen oder Branchen nennen, die Lohngleichheit in der Schweiz garantieren?

Die Charta von Berset wurde bis heute von 16 Kantonen, 86 Gemeinden, 36 Betrieben und dem Bund unterzeichnet. Grössere Unternehmen wie die Post oder SBB führen ebenfalls seit einigen Jahren freiwillig Lohnanalysen durch.

Finden Sie es in Ordnung, wenn man das Thema Lohngleichheit bereits beim Jobinterview anspricht?

Ja. Ein Unternehmen, das sich für Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben einsetzt, steht für Fortschritt und Weiterentwicklung.

Was sind Ihre Erwartungen bezüglich Lohngleichheit in der Schweiz für die nächsten Jahre?

Als Business und Professional Women im Jahr 2009 den Equal Pay Day in der Schweiz ins Leben rief, fiel dieser aufgrund der noch grösseren Kluft auf den 10. März. Heute, zehn Jahre später, ist es der 22. Februar. 17 Tage in zehn Jahren. Mein Wunsch ist, dass es den Equal Pay Day in der Schweiz bald nicht mehr brauchen wird, weil Frauen ab dem 1. Januar, wie ihre männlichen Kollegen, den vollwertigen Lohn erhalten. Ich wünsche mir, dass ich das noch während meiner Berufszeit erleben darf.
Myriam Heidelberger Kaufmann ist seit Juni 2019 Vize-Präsidentin des Verbands Business & Professional Women Switzerland und in einem Team des Zentralvorstandes für die jährliche Organisation des Equal Pay Day in der Schweiz verantwortlich. Zudem ist sie aktiv im BPW-Club Biel. Ausserdem ist sie in einer leitenden Funktion in einer männlich dominierten Institution des Kantons Bern tätig.
 

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