Jobsharing – Was eine Expertin dazu sagt

Jobsharing

Jobsharing ist in aller Munde. Dennoch hat das Arbeitsmodell noch nicht sein volles Potenzial ausgeschöpft. Warum ist das so und welche Chancen und Risiken stecken dahinter? Expertin Dr. Irenka Krone-Germann klärt auf.
Dr. Irenka Krone-Germann arbeitet seit neun Jahren im Jobshare im Staatssekretariat für Wirtschaft. In ihrer Dissertation über Teilzeit und deren Auswirkungen beschäftigte sie sich umfassend mit Teilzeitarbeit in der Schweiz, siehe Buch. Sie war 2013 Mitbegründerin des gemeinnützigen Vereins PTO (Part Time Optimierung).
Jobsharing
Mathias Steger: Frau Dr. Krone-Germann, wie genau würden Sie gewöhnliche Teilzeitarbeit von Jobsharing abgrenzen?
Irenka Krone Germann: Jobsharing ist kein Jobsplitting. Bei Jobsharing gibt es immer eine Co-Verantwortung, was bei Jobsplitting nicht der Fall ist. Bei Jobsplitting handelt es sich um Teilzeitstellen, die nebeneinander und getrennt voneinander stattfinden können. Bei Jobsharing teilen sich zwei oder mehrere Mitarbeitende eine Stelle mit voneinander abhängigen Aufgaben und gemeinsamer Verantwortlichkeit.
Jobsharing hat zwei Formen: hybrid und rein. Beim reinen Jobsharing sind zwei Arbeitnehmer hinsichtlich der Arbeitsaufteilung gänzlich austauschbar. Beim hybriden Jobsharing werden die Arbeiten informell aufgeteilt, einige Aufgaben sind voll austauschbar und werden unter gemeinsamer Verantwortung durchgeführt. Das hybride Modell kommt häufiger vor.
Haben Sie Zahlen, wie verbreitet Jobsharing in der Schweiz ist?
Eine von uns 2014 gemeinsam mit der FHNW und der HEG Arc durchgeführte Erhebung unter knapp 1’800 Unternehmen ergab, dass 27% bereits Jobsharing in ihrem Unternehmen praktizieren, 25% im privaten und 46% im öffentlichen Sektor. Ausserdem wurde aufgezeigt, dass Jobsharing zunimmt, je grösser der Betrieb ist und je höher das Bildungsniveau sowie die Stelle sind.
Ist diese Zahl nicht etwas hochgegriffen?
Ja, das stimmt. Oft ist es so, dass bei grossen Unternehmen zwar Jobsharing betrieben wird, aber in Relation zu der Anzahl an Mitarbeitenden nur in ganz wenigen Fällen. Bei einzelnen Firmen kam es zu einer Verwechslung zwischen Jobsharing und Job-Splitting, was die Zahl leicht in die Höhe trieb.
In der Theorie klingt das Arbeitsmodell Jobsharing sehr interessant. Warum setzt es sich in der Praxis jedoch nur zögerlich durch?
Es gibt nach wie vor Ängste und Unsicherheiten, etwa darüber, was passiert, wenn sich ein Jobsharing-Team auflöst. Daher ist es wichtig, die Optionen genau zu klären. Oft wird der Schritt nicht gewagt, weil die Meinung besteht, der Informationsaustausch zwischen den Jobsharing-Partner sei zu schwierig. Alle sind heute jedoch überall und jederzeit erreichbar, was das Konzept sehr stark erleichtert. Die meisten Firmen und Mitarbeitende haben noch einen Mangel an Informationen, was Jobsharing genau bedeutet. Ich habe das Gefühl, dass das Verlangen für Jobsharing jedoch zunimmt.
Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Chancen von Jobsharing für die Arbeitgeber sowie für die Arbeitnehmer?
Ich denke, für den Arbeitnehmer sind es die Karrierechancen. Plötzlich haben Personen, die Teilzeit arbeiten möchten, wieder Zugang zu den besten Stellen, weil sie sich einen attraktiven Job im Jobsharing teilen können. Wenn man eine Stelle im Jobsharing ausübt, wird das Leben spannender, weil man mehrere Sachen parallel machen oder mehr Freizeit geniessen kann.
Für den Arbeitgeber ist es die Talente-Bindung. Ein Unternehmen kann etwa eine Frau, die gerade ein Kind bekommen hat und in Zukunft nur noch Teilzeit arbeiten möchte, weiterhin in einer verantwortungsvollen Position im Betrieb behalten, wenn sie ihren Job zukünftig im Jobsharing ausübt. Es können so Stellen mit geringerem Pensum besetzt werden.
Und was sind auf der anderen Seite die grössten Risiken?
Es kann vorkommen, dass die Partnerschaft nicht funktioniert. Wenn man dafür viel Zeit investiert hat, kann das sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Arbeitnehmern es zu einer grossen Enttäuschung führen. Bei einem gescheiterten Jobsharing-Versuch kann der Ruf des Modells vor allem bei den Arbeitgebern darunter leiden.
Welche Charaktereigenschaften sollte jemand mitbringen, der eine Tätigkeit im Jobsharing ausüben möchte?
Man muss gerne im Team arbeiten, besonders flexibel und sehr gut organisiert sein. Man sollte seinen Sharing-Partner sehr gut kennen bzw. kennen lernen. Man sollte nicht den Anschein machen, dass man über etwas nicht informiert ist und muss für den Sharing-Partner oft erreichbar sein. Auch eine ähnliche Geisteshaltung mit gemeinsamen Werten ist wichtig. Dazu gehört auch eine Offenheit für Kritik sowie eine gewisse Grosszügigkeit, denn man macht alles gemeinsam, wird sowohl gemeinsam kritisiert als auch gelobt.
Für welche Art von Tätigkeiten ist Jobsharing geeignet?
Grundsätzlich gibt es Jobsharing von einfachen Stellen bis hin zu Kaderpositionen. Allerdings liegt der Fokus beim Jobsharing bei Kaderpositionen, dem sogenannten Top-Sharing. Hierbei geht es darum, das Potenzial der Arbeitskräfte optimal auszuschöpfen. Es gibt so viele Menschen mit Hochschulabschluss, die nicht mehr arbeiten. Im Jobshare ist es einfacher, dieses Humankapital wieder für den Arbeitsmarkt zu gewinnen. Das Modell kann jedoch auch etwa für eine Verkäuferin in Teilzeit interessant sein, wenn sie aufgrund von Jobsharing mehr Verantwortung übernehmen kann und einen Karriereschritt nach oben macht, indem sie eine Bereichsleitung annimmt.
Jobsharing
Wer soll gewöhnlich den zweiten Partner suchen – der Arbeitgeber oder der Arbeitnehmer?
Normal soll sich der Arbeitnehmer selber den idealen Partner suchen, weil die Initiative von ihm ausgehen sollte, sonst scheitert die Zusammenarbeit leichter. Es gibt auch die Möglichkeit, dass Grosskonzerne Jobsharing-Partner zusammenbringen, wobei jedoch das Risiko grösser ist, dass es nicht funktionieren wird.
Wo sehen Sie das Potential von Jobsharing in der Schweiz in den nächsten Jahren?
Ich denke und es ist eine Vision von mir, dass insgesamt 15% der gesamten Arbeitsbevölkerung im Jobshare tätig sein könnten. Momentan sind es meiner Einschätzung nach vielleicht 1, höchstens 2%.
Der Verein PTO (Part Time Optimierung) hält Konferenzen, Meet-ups und Workshops bei Unternehmen und Interessenten, führt Kolloquien zum Thema Jobsharing und Forschungstätigkeiten zu diesem Arbeitsmodell durch. Die von PTO neu kreierte Plattform wejobshare.ch ist ein Tool zum Auffinden von Jobshare-Partnern. Unternehmen können dort auch ein „closed space“ einkaufen und haben somit die Möglichkeit einer internen Match-making-Plattform.
Weitere Informationen auf www.go-for-jobsharing.ch sowie www.wejobshare.ch.
Fotos: Miragesphoto.com, Brillantine.ch

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