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Alt und unrentabel? Von wegen: alt, kompetent und voller Elan!

Sie sind flexibel, arbeiten in der Regel mehr als das vorgegebene Pensum, sie verfügen über ein vertieftes Hintergrundwissen, sie verstehen nicht offensichtliche Zusammenhänge. Und sie sind loyal.

Ich spreche von der Mehrheit der über 50-jährigen Arbeitnehmenden. Diese werden zurzeit mit Angstszenarien konfrontiert, ihr Wert scheint wenig anerkannt. Arbeitsrechtsprofessoren stellen die Wirtschaftlichkeit von älteren Arbeitnehmenden besonders in der Technologiebranche infrage. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Schaut man sich den Kosten-Nutzen-Faktor langfristig an, berücksichtigt also Fluktuations- sowie Einarbeitungskosten von neuen Mitarbeitenden, kann ich mir nicht vorstellen, dass ältere Mitarbeitende nicht rentieren. Die Frage ist viel eher, wie man reife Persönlichkeiten im Unternehmen optimal einsetzen kann. Ich sehe grosses Potenzial in der Teilzeitarbeit und in der gezielten Personalentwicklung. Lassen Sie mich in einem nächsten Blog auf die beiden Punkte näher eingehen. In diesem Blog möchte ich lieber ein Beispiel aus der Realität mit Ihnen teilen, das auf das Titelthema eingeht:

Ein 59-jähriger Mann mit internationaler Erfahrung im Personalsektor hat sich auf der Stellensuche verzweifelt an mich gewandt. Ich sollte ihn unterstützen, weil ich über gute Kontakte in diversen HR-Abteilungen verfüge. In einem Gespräch mit einer jüngeren HR-Leiterin eines mittelgrossen Betriebes im technischen Umfeld erzählte ich von diesem Mann, weil sie eine Vakanz im Bereich Rekrutierung hatte. Die erste Reaktion war Ablehnung. Er sei doch zu alt und bestimmt auch zu teuer. Meist scheitern Stellensuchende dieses Segmentes bereits an solchen Vorverurteilungen. Ich führte dann seine Erfahrung, seine Loyalität und seine Leistungsausweise ins Feld. „Aber er ist doch sicher überqualifiziert“, war das nächste Argument und dass er bestimmt auf die Position der HR-Leiterin schielen werde. Wieder Vorurteile! Ich bat die HR-Leiterin, einem unverbindlichen Kennenlerngespräch zuzustimmen, um ihre Annahmen direkt zu prüfen.

Wie Sie sich vorstellen können, kam alles anders. a) Der Mann wollte nicht mehr so viel Verantwortung, wie er früher hatte, und b) in Lohnfragen war er sehr offen. Mit seiner Erfahrung und seinem Wissen konnte er überzeugen. Er wurde angestellt. Nach der Probezeit erkundigte ich mich bei der HR-Leiterin, wie es mit einem älteren Mitarbeitenden im Team funktioniere. Die Antwort unterstreicht die genannten Aussagen: „Ich kann sehr viel von ihm lernen. Er ist immer früh da und man muss ihn am Abend bremsen. Er ist nicht mehr der Schnellste, aber dafür stimmen die Tiefe und Qualität der Arbeit. Es ist eine Win-win-Situation.“

Wirtschaftsexperte Sven Voelpel meint zu älteren Arbeitnehmenden: „Sie haben eine höhere Arbeitsmoral und mehr Bewusstsein für Qualität. Sie können besser strategisch denken, besser logisch argumentieren, sind eher bereit zu teilen und besonnener als ihre jüngeren Kollegen. Und sie haben ein ganzheitliches Verständnis der Arbeit.“

Der Wert von älteren Arbeitnehmenden misst sich am Grad des Vertrauens in deren Fähigkeiten. Ich wünsche allen Personalverantwortlichen den Mut, an solchen Mitarbeitenden festzuhalten oder diesen eine Chance zu geben. Meist lohnt es sich auch wirtschaftlich.

Sandro PisaneschiSandro Pisaneschi ist Inhaber von beratungsbuffet.ch. Er begleitet Menschen in Veränderungssituationen und führt Outplacements mit Personen über 50 Jahre durch. Er berät Führungspersonen und Firmen in den Bereichen der Mitarbeiter- und Organisationsentwicklung.

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Iten
sagte am Juli 17, 2015 at 2:54 pm :

Hallo zusammen

Der Artikel ist wie aus meinem Leben geschnitten. Nun ich bin 56 habe den ganzen Rucksack voller guter Argumente und Erfahrungen. Und trotzdem höre und lese ich immer wieder, wie teuer oder wie “überqualifiziert” ich bin.
Ich will arbeiten und dafür gutes Geld verdienen, will helfen Nachwuchs auszubilden und meine Erfahrungen weiter zu geben.

Hoffe, dass es auf fruchtbaren Boden fällt. Ich werde jedenfalls nicht aufgeben und bin mir sicher auch wieder was zu finden, Frage ist nur wann.

Antworten
Flury Beatrice
sagte am Juli 20, 2015 at 2:29 pm :

Ich selber bin ebenfalls bereits 59 Jahre alt und bin in der Administration tätig. Mein Aufgabengebiet ist vielfältig und interessant und auch öfters hektisch. Ich bin auch der Meinung, dass es sicher schnellere Mitarbeiter gibt, aber ich glaube die Qualität meiner Arbeit ist immer noch sehr gut.
Danke für Ihren Bericht!

Freundliche Grüsse, B. Flury

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